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Trauer lindern - Hoffnung gewinnen

 
 

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Du bist
Du bist das Kribbeln in meinen Händen,
das Kitzeln in meinem Gesicht.
Du bist das Aufleuchten an den Wänden.
Du bist an meiner Seite ein Sanftes, Warmes.
Du bist Luft, die ich atme,
Nur fassen - fassen kann ich Dich nicht.


In dem Versuch, den Tod meines elfjährigen Sohnes Sebastian zu
verarbeiten, nahm ich mir die einschlägige Literatur über
"Trauerarbeit" vor. So, wie ich bereits in der Vergangenheit meine
Probleme immer mit Hilfe der entsprechenden Lektüre in Angriff
genommen hatte, so hoffte ich auch dieses Mal, diese schier
unerträgliche Situation für mein weiteres Leben derart
annehmen zu können, dass sie zumindest auszuhalten
sein würde.
Was ich aber zunächst unter der Rubrik Tod und Trauer fand,
war in der Regel eine Art Fahrplan mit dem unterschwelligen
Versprechen, würde meine Trauer nach diesen Punkten
ablaufen, so könne ich gewiss sein,
dass ich das Leben auch weiterhin ertragen würde. Ansonsten
bliebe mir noch die Möglichkeit, mich in die hohen Prozentsätze
der Geschiedenen, Alkoholsüchtigen oder Selbstmörder
nach schwerem Verlust einzureihen.
Geschieden war ich schon eine ganze Weile, Selbstmord war
mir von meiner Veranlagung her noch nie als eine Lösung
erschienen, vor der Alkoholsucht hatte und habe ich zu große Angst,
wenngleich ich in dieser ersten schlimmen Zeit manches Mal das
Gefühl habe, mir da etwas Gutes tun zu können.
Weder wollte ich mich auf den Weg der Resignation begeben, noch
konnte ich mich in diesen Trauerschemata wiederfinden.
Da war zum Beispiel überhaupt keine Wut in mir. Worauf auch?
Vielleicht war ich nur noch nicht soweit? Andererseits hatte ich das
Gefühl, schon viel "weiter" zu sein.
Nicht zuletzt wahrscheinlich deshalb, weil Sebastian nach
viereinhalbjähriger Krebserkrankung gestorben ist und dieser
lange Weg im Grunde eine Auseinandersetzung war, die im
Tod gipfelte. Hinter dieser ganzen Trauerarbeit, Trauerbewältigung,
diesen Trauerphasen musste doch noch so viel mehr stecken.
Schließlich gibt es doch immer wieder Menschen, die aus einer
unendlich grausamen, traurigen, hoffnungslosen Situation
herausfinden und die uns, nachdem sie wieder auf die Beine
gekommen sind, in Talkshows und manchmal sogar im reellen
Leben beeindrucken. Menschen, die es nicht nur geschafft
haben, einen Schicksalsschlag zu überleben, sondern
sogar zu einem neuen, wie es scheint, besseren Sinn gefunden
zu haben.
Auf der Suche nach dieser Übereinstimmung fing ich an,
alles zu lesen, eben über "Gott und die Welt". Gefunden
habe ich so viel mehr, als ich je zu glauben gewagt hätte.
Hier ein Puzzleteil, da ein Fragment, hier ein "ja, vielleicht",
dort ein: "ja, ganz genau!". Alles in allem ein riesiges Puzzle
mit dem Titel Weltbild; mein ganz persönliches Puzzle, das keinen
Anspruch auf absolute Vollständigkeit oder Wahrheit erhebt.
Aber ein Bild, das es mir ermöglicht, heute, nach einem
runden Jahr, wieder tief durchatmen zu können und
mich zu dem Glauben führte, immer noch mit Sebastian zu leben...

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